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BERLIN ALEXANDERPLATZ

Literatur

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BERLIN ALEXANDERPLATZ


I.                   Einleitunsanmerkungen uber das Buch

II.                Die Grosstadt und das Ich

III.             Kollektive Handlungen

1.   Einfuhrende Anmerkungen

           Bevor der Roman 1929 erscheint, hat ihn die Frankfurter Zeitung bereits vorabgedruckt.

           1930 wird auf der Grundlage des Romans ein Horspiel produziert; gesendet wird es allerdings erst in den 60er Jahren.

            1931 entsteht ein Film, der merkwurdigerweise Doblins dem Film abgeschaute Schreibtechnik der Montage wieder verschwinden lasst. Die Hauptrolle des Franz Biberkopf ubernimmt Heinrich George, ien Star des Weimarer Kinos. Illustrierende Reportagen begleiten die Filmproduktion; das Drehbuch wird publiziert(45).

              Nach einer Bemerkung von Volker Klotz, ist “Berlin Alexanderplatz’, 1929 erschienen, der erste und bis heute einzige belangvolle Roman in deutscher Sprache, der vorbehaltlos die zeitgenossische Grosstadt zu seiner Sache macht. Schon vorher hatte sich Doblin mit dem Gegenstand befasst. Zunachst in zwei Erzahlungen, die er 1914 veroffentlichte: “Von der gottlichen Gnade” und  Der Kaplan”. “Mit schmerzlichen Zynismus spurt die eine in berliner Verbrechermilieu unter prugelnden Zuhaltern und armseligen, selbstmorderischen Dieben, dem ublen Walten der gutigen Vorsehung nahc; wahrend die andere einen sexuell verstorten Geistlichen die laxen Casinokreise der Hauptstadt durchtaumeln lasst”(46).

            

               Noch fruher, 1913, hatte Doblin seinem chinesischen Roman “die drei Sprunge des Wang-lun” eine Zueignung vorangestellt, die auf die Problematik der Grosstadt verweist. Hier sieht sich der fiktive Erzahler des

chinesischen Romans an seeinem Schreibtisch bei offenem Fenster dem Larm der Grosstadt ausgesetzt. Der Text reflektiert die veranderten Bedingungen, unter deenen sich das Autor-Subjekt in der literarischen Moderne zu schreiben anschickt(47):

          “Dass ich nicht vergesse –

            Ein sanfter Pfiff von der Strasse herauf. Metallisches Anlaufen, Scnurren, Knistern. Ein Schlag gegen meinen knochernden Federhalter.

            Dass ich nicht vergesse –

            Was denn?

            Ich will das Fenster schliessen.

            Die Strassen haben sonderbare Stimmen in den letzten Jahren bekommen. Ein Rost ist unter die Steine gespannt, an jeder Stange baumeln meterdicke Glasscherben, grollende Eisenplatten, echokauende Mannesmannrohren. Ein Bummern, Durcheinanderpollern aus Holz, Mammutschlunden, gepresster Luft, Geroll. Ein elektrisches Floten schienenentlang. Motorkeuchende wagen segeln auf die Seite gelegt uber den Asphalt: meine Turen schuttern. Die milchweissen Bogenlampen prasseln massive Strahlen gegen die Scheiben, laden Fuder Licht in meinem Zimmer ab.

       Ich tadle das verwirrende Vibrieren nicht. Nur finde ich mich nicht zurecht”(48).

           

“Berlin Alexanderplatz” ist, sowie auch der Titel lautet, der Grosstadt Berlin gewidmet. 1930 notiert Doblin folgenden Satz fur einen Vortrag uber sein Verhaltnis zur Stadt:

          “Mein Denker und arbeiten geistiger Art gehort, ob ausgesprochen oder unausgesprochen, zu Berlin. Von hier hat es empfangen und empfangt es dauernd seine entscheidenden Einflusse und seine Richtung, in diesem grossen nuchternem Berlin bin ich aufgewachsen. Dies ist der Mutterboden, dieses Steinmeer der Mutterboden all meiner Gedanken”(49).

            Einer Umfrage der Vossischen Zeitung zum thema “Hemmt oder beeintrachtigt Berlin das kunstlerische Schaffen?”, antwortet Doblin 1929: “Das Ganze hat machtig inspiratorisch belebende Kratf, diese Erregung der Strassen, Laden, Wagen ist die Hitze, in die ich mich schlagen lassen muss, wenn ich arbeite, das heisst eigentlich immer. Das ist das Benzin, mit dem mein Wagen lauft”(50).



           Nach der Interpretierung von Harald Jahner, besagt die Metapher vom Benzin, mit dem der Wagen laufe, dass die Stadt an der Verfertigung der Gedanken teilnehme indem sie mit dem Bewusstsein eine energetische Einheit bilde. Grosstadter zu sein, ist fur Doblin eine substantiell neue Art des Mensch-Seins, die ihn bis tief in die Formen des Bewusstseins hinein vom Provinzler unterscheidet(51).

           Mit diesem Roman bietet der Autor einmalo zeitgenossisch nahe Gesellschaft in gemeiner Tatsachlichkeitauf, zim andern versucht er, “das spannungsvolle Verhaltniszwischen greifbarem Einzelnen und greifbarem Kollektiv auszutarieren, ohne den einen Partner dem anderen zu opfern. Sie leben voneinander, miteinander und gegeneinander”(52).

           Nach Doblin ist “Berlin Alexanderplatz”, nach dem “unbefriedigenden” Manas , eine weitere Antwort zur Frage: “Wie geht es

einem guten Menschen in unserer Gesellschaft?”. Und weiter: “Lass sehen, wie er sich verhalt und wie von ihm auch unsere Existenz aussieht. Es wurde <Berlin Alexanderplatz> (ein Titel, den mein Verleger absolut nicht akzeptieren wollte, es sei doch einfach eine Bahnstation, und ich musste als Untertitel dazusetzen Die Geschichte vom Franz Biberkoptf)”(53).

             “Berlin Alexanderplatz” ist die Geschichte des “kleinen Mannes” Franz Biberkopf. Er ist gutwillig, aber dunkle und unsivchtbare Machte sind starker. Standig geht sein Wille in den sozialen Fluten unter, die ihn umspulen. Im sozialen Kraftefeld kann er sich nicht mehr behaupten. Die Gesellschaft, in der er lebt, lasst keine “Helden” mehr zu. Sie schleift ihn und die anderen Figuren des Romans ab zum <Typ>, zum Dutzendmenschen.

                Das Buch behalt noch einen epischen Faden, indem Franz sich auf Wanderschaft begibt (wie die klassischen Helden des Romans) und Erfahrungen sammeln muss. Er endet aber in einer Serie von Niederlagen und am Ende des Buches steht er, wie am Anfang,am Alexanderplatz – verwirrt,k entleert, desillusioniert. Die unpersonliche, gleichgultige Immensitat der Grosstadt erlaubt ihm nicht, anstandig und vernunftig zu bleiben.

Ebenda bemerkt Volker Klotz, dass mit diesem Doppeltitel beide Partner aufgerufen sind, die diesen Roman bestreiten: das Kollektiv, die Stadt Berlin im belebtesten Platz ihres ostlichen, vornehmlich proletarisch bevolkerten Teils; und ein bestimmter Einzelner in seiner “Geschichte”.

2.Die Grosstadt und das Ich

Die Wahrnehmung der Grosstadt aus der Perspektive Biberkopfs. Sein erster Kotakt mit der Stadt.

Die erste Szene des Buches, die den eintritt Biberkopfs in Berlin und damit seinen ersten Kontakt mit der Stadt darstellt, hat eine Schlusselfunktion, was die Beziehungen  zwischen der Grosstadt und dem Menschen, bzw. Dem Menschen in der Menge, betrifft. Dzu wird aber auch ein drittes Element hinzugefugt, das nicht weniger wichti ist, und zwar der “Ausgangspunkt” Biberkopfs, die welt des Gefangnisses. Es geht also eine dreieckige Beziehung hervor: zwischen dem Gefangniss (der Mutterleib, die bekannte, freundliche, gemutliche, ordentliche Welt), der Grosstadt (als plotzliche destruktive Einmischung) und dem gewohnlichen Menschen (der ‘Ort’, wo sich der gegensatz und der Anprall der zweien welten widerspiegeln und ausdrucken. Doblins Einfuhrungsoption lehnt die reine Beschreibung der unermesslichen stadt ab, und geht auf die komplexen, sonderbaren Beziehungen zwischen der stadt und dem “bruskierten” Menschen ein. Biberkopf, der ehemalige Transportarbeiter, muss unbedingt, der Stadt gegenuber, Aufstellung nehmen.

Das Gefangniss entspricht einer existentiellen Zone, es bezeichnet die Welt der Ordnung, voll Symbolen und Bedeutungen: alle leben hier im demselbem regelmassigen Rhythmus, indem sie eine gut bekannte Arbeit leisten, wo sie von keiner Totaluberraschung, von

keinem Totalbruch schockiert werden. Manche harken Kartoffeln auf den Ackern, manche tischlern, lackieren, sortieren, kleben usw. Alle tragen dieselbe Straflingskleidung, jedermann weiss Bescheid, was er machen muss. Alles vergeht voraussehbar in einer stark genormten Welt. Methaphorisch gesehen, ist auch das gemeint, dass jeder Bewohner hier ein echter Gefangene ist Gefangener in einer Welt ohne Freiheit, wo aber man wenigstens ruhig und zufrieden sein kann. Dies entspricht jenem von Marinetti verspotteten “passatismo”, jener Einstellung zur “himmlischen Ruhe im Grunen”, einer verbrauchten Tradition, die uberwunden werden muss.

Dieser Augenblick, wo Franz “vor dem Tegeler Gefangnisses”stand, ist der Augenblick wenn er gerade daraus weggeschmissen wurde, wenn er eigentlich nicht mehr zu dieser Welt gehort. Auch formal gibt es eine Serie Oppositionen, die diese zwei gegensatzlichen Momente aus dem Leben Biberkopfs bestatigen, und zwar: er vs. sie, gestern vs. jetzt, vor ( dem Tor des Tegeler Gefangnisses) vs. hinten.Diegse Oppositionen aussern sich zunachst raumlich: Biberkopf stand” vor dem Tor …”, d.h. draussen, aber gestern hatte er noch hinten mit den andern gearbeitet, indem hinten dem Tor die Bedeutung des Inneren, des schutzenden Raums bekommt. Die Opposition wird wiederholt, indem auch der Unterschied zwischen ihm und ihnen betont wird: “ sie harkten hinten, er war frei”. Der Bruch in Bierkopfs Leben wird auch zeitlich ausgendrukt: gestern hatte er noch hinten auf den Ackern Kartoffeln…, jetzt ging er im gelben Sommermantel …”.Auch die betreffende Phrase ist derart

konstruiert, dass diese Oppositionen stark hervorgehoben werden; sie enthalt vier Satze, indem die ersten zwei mit den Temporaladverbien “gestern”, bzw. “jetzt” begginen, die anderen zwei mit den Personalpronomen “sie”, bzw. “er”: “Gestern hatte er noch hinten auf den Ackern Kartoffeln geharkt mit den andern, in Straflingskleidung, jetzt ging er im gelben Sommermantel, sie harkten hinten, er war frei” (54).




Es stellt sich weiter die frage, wie Biberkopf darauf reagiert, wie er die ersten Augenblicke seiner neuen Situation empfindet. Ganz am Anfang bleibt er wie gelahmt, und dies wird durch eineReihe von Verben ausgedruckt: “er stand vor dem Tor”, “er liess Elektrische auf Elektrische vorbeifahren”, er druckte nochmals den Rucken an die rote Mauer (wie ein letzterZeichen seines Wunsches, nicht wegzugehen), “er ging nicht”, und obwohl der Aufseher am Tor ihm seine Bahn zeigte, ging er trotzdem nicht. Alles ist fur ihn schrecklich: “Der schreckliche Augenblick war gekommen (schrecklich, Franze, warum schrecklich? )”.

Man konnte also sagen, die Wahrnehmung Biberkopfs ist die Dominanz diesee Abschnittes, die Satdt wird hier besonders aus seiner Perspektive beschrieben. Fur ihn bleibt sie immer noch eine erschreckende Erfahrung, eine Strafe. Dieser erste Abschnitt ist irgendwie kreisformig, symmetrisch gebaut, indem im Zentrum, wie ein Brennpunkt des Textes, Biberkopfs Schrecken und seine Unfahigkeit, loszugehen, stehen, und am Rande  (am Anfang und am Ende) – diese Oppositionen sowohl zwischen Biberkopf und den

anderen, als auch zwischen Biberkopfs neuen Leben und seinem vorigen Leben. Schematisch konnte diese Struktur so dargestellt werden:

a)      er stand vor dem Tor

b)      gesternhatte er noch mit den anderen gearbeitet

c)er war frei

          SCHRECKEN          

C1) man setzte ihn wieder aus

B1) drin sassen die andern, arbeiteten

A1)er stand an der Haltestelle

Dann beginnt Franz sich zu bewegen, obwohl es noch sclecht geht.

Stoplpern geht er los: er schuttelt sich, schluckt ( es ist wie das

Aufwachen aus einem Traum), dann braucht er “einen Anlauf”, in

die Elektrische einzusteigen. Dann - plotzlich in der Stadt, “mitten

 unter den Leuten”. Die Wahrnehmung wird sprachlich durch einen

ganz deutlichen  Vergleich ausgedruckt:” Das war zuerst, als wenn

man beim Zahnarzt sitzt, der eine Wurzel mit der Zange gepackt hat

und zieht, der Schmerz wachst, der Kopf will platzen”. Nachdem

Biberkopf noch ein letztes Mal den Kopf nach der Mauer des

Gefangnisses dreht, ist alles vorbei: “Er drehte den Kopf zuruck nach

Der roten Mauer, aber die elektrische sauste mit ihm auf den Schienen weg, dann stand nur noch sein Kopf in der Richtung des Gefangnisses”. Alles geschieht ausserst schnell, nur mit einer Biegung der Elektrische hat man schon die Stadt erreicht: “Der Wagen machte eine Biegung, Baume, Hauser traten dazwischen. Lebhafte Strassen tauchten auf, die Seestrasse, Leute stiegen ein und aus. In ihm schrie es entsezt: Achtung, Achtung, geht es los”.

Die Perspektiven wechseln sich zwischen der des Autors, der was Biberkopf macht berichtet ( “Er stieg unbeachtet wieder aus … “), und der eines schockierten, fast psychologisch erschutterten Beobachters, der mit der Stadt (Menschen, Strassen, Hausern) nicht vertraut ist. Seine Wahrnehmung tragt disparate Gegenstande ein, manche konnen unverstandlich sein, aber wenn es auch Erklarungen dazu gibt, sind sie absurd, beispielsweise: “Was war da alles. Schuhgeschafte, Hutgeschafte, Gluhlampen, Destillen. Die Menschen mussen doch Shcuhe haben, wenn sie so viel rumlaufen, wir hatten ja auch eine Schusterei, wollen das mal festhalten”.

Obwohl alles noch als “Gewimmel, welch Gewimmel” wahrgenommen ist, lernt doch Biberkopf, ein Anonym zu werden: “Er stieg unbeachtet wieder aus dem Wagen, war unter Menschen”,

“… er ging zwischen den andern auf Holzboden. Man mischt sich unter die andern, da vergeht alles, dann merkst du nichts, Kerl”.

Hier erscheint fur das erste Mal im Roman die Masse, nicht homogen, doch ein Ganzes bildend. Es wird betont, dass die Menschen in der Stadt nur als Kollektiv existieren, nur die existenz in der Masse gibt ihnen “Lebendigkeit”, Kraft zur Bewegung und zum Leben. Die Masse heisst aber nicht ein Zusammenzahlen und ein Zusammentreffen von Individuen, sondern die Summe der Gesichter dieser Menschen, eine Welt des Scheins, der Oberflache, des Ausseren, der Strassen. Sowie auch Walter Benjamin (55) bemerkt, sind Strassen “die wohnung des Kollektivs. Das Kollektiv ist ein ewig waches, ewig bewegtes Wesen, das zwischen Hauserwanden soviel erlebt erkennt und erinnert wie Individuen im Schutz ihrer vier Wande”. Auch fur doblinexistiert die Masse als solche nur auf der Strasse, ansonsten geht ihr Wesen verloren: “Draussen bewegte sich alles, aber – dahinter – war nichts! Es – lebte – nicht! Es hatte frohliche Gesichter, es lachte, wartete auf der Schutzinsel zu zweit oder zu dritt, rauchte Zigaretten, blatterte in Zeitungen, So stand das da wie die Laternen – und – wurde immer starrer. Sie gehorten mit den Hausern, alles weiss, alles holz”



Die Depersonation der Messe wird im text durch das unpersonliche Pronomen “es”, bzw. “das” dargestellt. Eben durch diesen Eindruck der Verdinglichung sind die Menschen fur Biberkopf “nicht bloss unbekannte Menschen, die sich halt anders benehmen als er, weil sie

anders hinter sich und vor sich haben, sie sind eine fremde Gattung, die sich zwar regt, doch puppenhaft und seelenlos den Schaufensterfiguren gleicht. (…) …keine Personen, nicht einmal Lebewesen, sondern ein vielgesichtiges, impersonales, sachliches Etwas, ein toter obzwar bewegter Stoff, ihm, Biberkopf, nicht verwandt, sondern aus der Familie der Dinge stammend, der Laternen und der vielzuvielen Hausern…” (56).

Wahrend diese so ruhig, blasiert, “starr”, irgendwie abgefunden und ausgesohnt sind, ist nur Biberkopfs Problem noch nicht vollig gelost; er ist immer noch erschreckt (“Schreck fuhr in ihn, als er die Rosenthaller Strasse herunterging…”), und obwohl er weiss, dass er unbedingt “rin” (in die Stadt) muss, mochte er es aber uberhaupt nicht: “Das weiss ich, seufzte er in sich, dass ich hier rin muss und dass ich aus dem Gefangniss entlassen bin. … Ich geh auch rin, aber ich mochte nicht, mein, Gott, ich kann nicht”. Er muss also “hier hinein, noch tiefer hinein”. Und obwohl er die Welt des Gefangnisses noch vermisst, gibt es aber keine Ruckkehr mehr: “Er konnte nicht zuruck, er war mit der Elektrischen so weit hierhergefahren”.

Weiter werden elementare Vorgange des menschlichen Lebenswieder aus seiner Perspektive beschrieben, indem sie ausserst detailliert und vergrossert erscheinen, irgendwie mit der Zeitlupe aufgenommen, wieder zum Biberkopfs Schrecken: der Mann und die Frau in der Kneipe “gossen sich Bier aus Seideln in den Hals, ja was

war dabei, sie tranken eben, sie hatten Gabeln und stachen sich damit Fleischstucken in den Mund, dann zogen sie die Gabeln wieder heraus und bluteten nicht”.

Er hat immer wieder den Eindruck, dass er verfolgt ist, darum sucht er sich einen Platz, sich verstecken zu konnen. In der “schmalen Sophienstrasse” fuhlt er sich ein bisschen geschutzt: “er adchte, diese strasse ist dunkler, wo es dunkler ist, wird es besser sein”. Er hat vor den Augen fragmentarische Erinnerungen aus der Knast, die sich in seinem Kopf mit dem wahnsinnigen Eindruck einer Apokalypse mischen: “…es rann Hauserfront neben Hauserfrontohne Aufhoren hin. Und Dacher waren auf den Hausern, die schwebten auf den Hausern, seine Augen irrten nach oben: wenn die Dacher nur nicht abrutschen, aber die Dacher standen gerade”. Sein Schrecken kommt auch daraus und seine “Strafe” besteht auch darin, dass er kein konkretes Ziel seines Laufen sieht: “Wo soll ick armer Deibel hin…”, “wo soll ich hin? Er antwortete:Die Strafe”.

Dann findet er endlich einen Platz, wo er sich hinsetzt uns seine Augenblicke als reiner “Laie” in der Stadt aufbraucht, denn seufzen, achzen, solche ausserungen menschlicher Gefuhle sollten innerhalb der Stadt (als existentieller Zone) nicht stattfinden: “Da war ein Haus … aus seiner Brust kam ein trauriges, brummendes oh, oh … so, mein Junge, hier frierst du nicht… . Er achzte, ihm tat wohl zu achzen. Er hatte in der ersten Einzelhaft immer so geachzt und sich gefreut, dass er seine Stimme horte, da hat man was, es ist noch nicht

alles vorbei. Das taten viele in den Zellen, einige am Anfang, einige spater, wenn sie sich einsam fuhlten. Dann fingen sie damit an, das war noch was Menschliches, es trostete sie”.

Am Ende des Romans werden Binerkopfs erste Wahrnehmungen der Stadt noch einmal von dem Autor wiederholt: “Verangstigt stand er an der roten Mauer, und als er sich losmachte und die 41 kam und mit ihm nach Berlin fuhr, da standen die Hauser nicht still, die Dacher wollten uber Franz fallen, er musste lange gehen und sitzen, bis alles um ihn ruhig war und er stark genung war, um hierzubleiben und wieder anzufangen. Jetzt ist er auch ein Vertreter des Masse-Menschen, ein echter Anonym. Er fuhlt sich nicht mehr gequalt und uberall verfolgt, sondern er ist endlich in die Landschaft der Stadt, der Strassen, der Laden, der Hauser eingefugt. Eben das ruhige, regelmasige Aufzahlen von Strassennamen, Platzen usw. Ist schon einZeichen der Anpassung, der Annahme, der Unterwerfung.Durch die Stadt langsam gehen und ruhig, was zufallig auffallt, aufzuzahlen – kennzeichnet einen schon vollzogenen Prozess der “Einweihung”: “Und was er dann tut? Er fangt langsam an, auf die Strasse zu gehen, er geht in Berlin herum.

Berlin, 52 Grad nordlicher Breite, 13 Grad 25 ostlicher Lange, 20 Fernbahnhofe, 121 Vorortbahn, 27 Ringbahn, Elektrische, Hochbahn, Autobus…”(56) oder “…dieses Mann geht jetzt langsam die Invalidenstrasse rauf, an der Ackerstrasse vorbei, nach der Brunnenstrasse zu, an der gelben Markthalle vorbei, und sieht sich

ruhig die Laden und Hauser an und wie die Menschen hier rumrennen”, dann wird Biberkopfs Perspektive gleich wieder eingefugt: “und lange habe ich das alles nicht gesehen, und jetzt bin ich wieder da “(57)

Am Ende steht Biberkopf nicht mehr allein am Alexanderplatz, an den er schliesslich wieder ( als Zentrum ) zuruckkehrt: “Es sind welche rechts von ihm und links von ihm, und vor ihm gehen welche, und hinter ihm gehen welche”(58).

Biberkopf befindet sich in der Mitte, und er ist auch in einer Arbeit integriert.Statt des unbewussten, triebhaften Dammerzustandes  - meint der Forscher Cristoph Dunz (55) – in den er totete, trank, vergewaltigte und sich von den Ereignissen uberrollen liess, tritt nun eine Wandlung zur Vernunft: “Wach sein, wach sein, es geht was vor in der Welt.(…) Wenn sie Gasbomben werfen, muss ich ersticken , man weiss nicht, warum sie geschmissen haben, aber darauf kommts nicht an, man hat Zeit gehabt, sich drum zu kummern”.(60)

Biberkopf ist “ ramponiert “, aber doch “zurechtgebogen”. Anstelle einer ausserliche Starke bedachten Selbstbehauptung tritt das “Erkennen”. Biberkopf bekommt die Identitat der Grosstadt und identifiziert sich damit. Nur darin eingefugt kann er “Wahrheit “, “Wissen”, “Erkennen” usw. erreichen, d.h. die Grundmerkmale eines modernen grosstadtischen Lebewesens.

        








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